Sind wir gleich da?

Spinnakertuch, Carbon, Folie, Zeltschnüre, Stahlheringe

1,8 Meter x 1,8 Meter x 2,6 Meter

2017

Was ist das überhaupt für ein ungewöhnliches Zelt? Es entspricht weder in Form noch Farbe dem, was man von Campingplätzen und Musikfestivals als handelsübliche „bewegliche Unterkunft“ kennt (als solche wird „Zelt“ im Grimmschen Wörterbuch definiert). Es ist schwarz, hat also eine ziemlich ungünstige Farbe für ein geschlossenes Zelt, weil es sich bei Sonneneinstrahlung schnell aufheizt. Auch die Größe ist unüblich: mit einer Länge von 260 Zentimetern zu groß für ein Zweimann-, zu klein aber für ein Familienzelt. In Wahrheit handelt es sich auch nicht um industriell gefertigte Konfektionsware, sondern um eine Spezialanfertigung, die der Künstler in Zusammenarbeit mit einem Kölner Drachenbauer aus Spinnakertuch, einem extrem leichten Nylongewebe, hat schneidern lassen. Tatsächlich von einem Drachenbauer, nicht einem Zeltmacher! Den Grund dafür beginnt man zu ahnen, wenn man sich dem Objekt nähert und ein entscheidendes Detail bemerkt, das man aus der Entfernung nicht wahrgenommen und auch nicht erwartet hatte: Das Zelt steht nicht auf dem Rasen des Staudengartens, sondern schwebt etwa 50 Zentimeter über dem Erdboden in der Luft. Der erste Gedanke des verblüfften Betrachters mag sein, dass es sich um einen Trick handelt. Sind die Seile, von denen das Zelt gehalten wird, vielleicht in Wahrheit Stahlstäbe? Das lässt sich leicht widerlegen. Oder wird das Ganze von unten durch eine Stütze gehalten? Wer es genau wissen will, kann sich auf den Boden legen und nachschauen, wird aber nichts finden. Spätestens wenn man sieht, wie das Zelt leicht im Wind schaukelt, beginnt man seinen Augen zu trauen.

Mysteriöserweise schwebt das Zelt also. Unvermeidlich beginnt man als Betrachter Hypothesen und Spekulationen über die Ursache dieser Schwerelosigkeit zu bilden. Was mag sich im Inneren des Zeltes verbergen? Da man es durch bloße Betrachtung ohnehin nicht herausfindet, muss man es letztlich auch gar nicht wissen. Wichtiger als eine physikalische Erklärung ihres Schwebens ist die poetische Wirkung dieser ungewöhnlichen Skulptur. Entscheidend sind die Vorstellungsbilder, die es in den Köpfen der Besucher erzeugt. Ist hier wundersamerweise die Gravitation außer Kraft gesetzt? Handelt es sich um einen Spuk, ein Traumgebilde? Was mögen das für luftige, elfen- oder geisterhafte Wesen sein, die ein solches Zelt bewohnen? Seine Form erinnert ein wenig an ein Häuschen und wirkt anheimelnd, fast märchenhaft, mit seiner schwarzen Farbe aber zugleich auch unheimlich. Da man keine Möglichkeit hat, ins Innere zu blicken, wird es zu einer Black Box, die als solche eine elementare Metaphorik entfaltet. Der Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman hat einmal über die geschlossenen Boxen im Umkreis der Minimal Art bemerkt, dass diese eben keine „reine“ Form sind, sondern als Metapher für Innerseelisches oder Unbewusstes verstanden werden können (man denke etwa an den schwarzen Stahlwürfel “Die” von Tony Smith oder an den riesigen schwarzen Kubus von Gregor Schneider). Umso mehr gilt das für ein schwarzes Zelt. Das Zelt ist ja ein uraltes kulturelles Zeichen, der wohl älteste Schutzbau der Menschheit. Jan Glisman hat seinem Objekt den Titel „Sind wir gleich da?“ gegeben. Mit einer Frage als Titel, der typischen ungeduldigen Kinderfrage beim Verreisen, öffnet Glisman seine Skulptur erst recht für eine Vielfalt von Assoziationen. Wer fragt hier? Um welche Reise geht es, und wo wird man ankommen? Man könnte an Flüchtlingszelte denken oder das Zelt als Metapher für die Reise der Gesellschaft, unserer Kultur, gar der Menschheit ansehen. Ist sein Schweben Ausdruck von Freiheit oder, im Gegenteil, für den Verlust von Bodenhaftung? So eindeutig Glismans Zelt sich als Objekt zeigt, so geheimnisvoll bleibt sein Schweben. Jeder Betrachter wird sich hier eine ganz eigene Geschichte erzählen. In ihrer radikalen Offenheit liegt der kommunikative Mehrwert dieser erstaunlichen Skulptur.

– Peter Lodermeyer –